Ebenezer Scrooge saß in seinem Glasbüro über der Vorzeigefiliale seiner Franchise-Kette „Scrooge’s Quick-Bowl & Snack-Point“. Er starrte auf eine Excel-Tabelle, die so grün leuchtete wie die Hoffnungslosigkeit seiner Regionalleiter. Sein größtes Talent war das „Shrinkflation-Engineering“: Er hatte es geschafft, die Garnelen in der „Premium-Asia-Pfanne“ so weit schrumpfen zu lassen, dass sie von den Gästen oft für versehentlich hineingeratene Cashewkerne gehalten wurden – bei gleichzeitiger Preisanpassung nach oben, versteht sich.

Die Optimierung der Nächstenliebe

Mitarbeiter waren für ihn keine Menschen, sondern „Human-Assets mit Optimierungspotenzial“. Scrooge hatte die Pausenregelung so verfeinert, dass der Gang zur Toilette rein rechnerisch nur noch während des Umziehens in der unbezahlten Freizeit stattfand. „Ein glücklicher Mitarbeiter ist ein satter Mitarbeiter“, pflegte er zu sagen, „und Sättigung macht träge. Hunger hingegen fördert die Agilität am Point of Sale.“

Marleys digitale Heimsuchung

In der Nacht vor dem 24. Dezember – einem Tag, an dem Scrooge traditionell den „Feiertags-Zuschlag“ für Kunden einführte, ohne ihn an das Personal weiterzugeben – erschien ihm Jacob Marley. Marley kam nicht durch die Tür; er flackerte auf sämtlichen Kontrollmonitoren des Büros gleichzeitig auf. Er trug keine Ketten, sondern war umwunden von kilometerlangen LAN-Kabeln und alten Leasingverträgen für minderwertige Fritteusen.

„Ebenezer!“, tönte es aus den Bose-Boxen. „Ich war wie du! Ich habe das Ketchup mit Leitungswasser gestreckt und die Überstunden in Gutscheinen für das eigene Restaurant ausgezahlt, die nur an Dienstagen zwischen 15 und 16 Uhr gültig waren! Schau mich an: Jetzt bin ich dazu verdammt, in der ewigen Cloud die Inventurlisten von Billig-Discountern zu korrigieren!“

Der Geist der verpassten Handwerkskunst

Der erste Geist war ein pensionierter Küchenmeister in einer fleckigen, aber würdevollen Kochjacke. Er führte Scrooge in eine Welt, die Scrooge für eine Legende hielt: Eine Küche, in der Saucen noch aus Knochen angesetzt wurden, statt aus staubigen Eimern mit der Aufschrift „Grundbasis Typ B“. Scrooge sah sich selbst als Praktikant, wie er ehrfürchtig eine echte Zwiebel schnitt, ohne dass sie vorher in einem Chemiewerk in Polen gewürfelt und vakuumverpackt worden war. Es war eine Zeit vor den standardisierten „Handbüchern für Systemabläufe“.

Die Geister im Dienstplan

Der zweite Geist, die gegenwärtige Systemgastronomie, war eine völlig übermüdete Studentin in einer viel zu großen Firmen-Polo-Shirt-Uniform. Sie hielt Scrooge kein Zepter hin, sondern ein Tablet mit dem Dienstplan der Weihnachtsnacht.

„Siehst du sie, Ebenezer?“, fragte der Geist mit sarkastischem Unterton. Er zeigte ihm die „Geister“ hinter den Kulissen: Die alleinerziehende Mutter, die an der Fritteuse stand, weil Scrooge das Budget für die automatische Reinigung gestrichen hatte. Den Spüler, der seit drei Jahren auf eine neue Schürze wartete, während Scrooge die Kosten für „Corporate Identity Consulting“ verdoppelt hatte. Sie alle waren Rädchen in einer Maschine, die so präzise darauf getrimmt war, Geld zu drucken, dass für Würde kein Platz mehr in der Kalkulation blieb.

Das große Schweigen der Fritteusen

Der dritte Geist war eine künstliche Intelligenz mit der Stimme eines freundlichen, aber seelenlosen Kundendienst-Mitarbeiters. Er zeigte Scrooge eine Vision der Zukunft: Ein vollautomatisiertes Restaurant. Roboterarme schwenkten Tiefkühlbeutel in heißes Fett. Es gab kein Personal mehr, das man ausbeuten konnte. Aber es gab auch keine Gäste mehr. Die Tische waren leer, denn die Menschen hatten vergessen, warum man überhaupt ausging, wenn das Essen doch nur noch eine logistische Transaktion war. Auf dem Bildschirm flackerte eine Fehlermeldung: „Error 404: Hospitality not found.“

Die Konvertierung zum Gastgeber

Scrooge erwachte schweißgebadet. Er griff zum Hörer und rief nicht sein Controlling an, sondern die Filialleiter.

„Hört zu“, rief er, während er sich hektisch eine Krawatte umband, die nicht die Firmenfarben trug. „Wir schmeißen das Systemhandbuch in den Reißwolf! Ab heute gibt es echtes Fleisch, frische Kräuter und – hört gut zu – wir verdoppeln das Personal in der Schicht, damit mal wieder jemand Zeit hat, einem Gast in die Augen zu schauen, ohne dabei auf die Stoppuhr für die ‚Service-Time‘ zu glotzen!“

Er stürmte in die nächste Filiale, bestellte für alle Anwesenden – Mitarbeiter und Gäste – eine Runde Espresso Martinis (mit dem guten Wodka, nicht dem Hausmarke-Fussel) und extra viel Zucker. Er begriff, dass die Gastronomie kein System war, das man optimieren musste, sondern ein Fest, das man feiern sollte.

Und man sagt, dass ab diesem Tag kein Burger in der Stadt saftiger war und kein Trinkgeldbeutel schwerer als bei „Scrooge’s – Dem Ort, an dem Geister zu Gastgebern wurden“.

Die Meuterei am Pass

Es war der Abend des ersten Weihnachtsfeiertages. In der Filiale 402, ehemals Scrooges ganzer Stolz aufgrund ihrer „herausragenden Kosten-Nutzen-Relation“, herrschte das blanke Chaos. Scrooge stand nicht etwa im Büro, um die Klickraten der digitalen Menüboards zu analysieren, sondern er stand mittendrin. Er trug eine Schürze, die er einem völlig verdutzten Azubi abgekauft hatte, und starrte auf den „Pass“ – jene heilige Grenze zwischen der lärmenden Küche und dem erwartungsfrohen Gastraum.

„Ebenezer“, zischte sein Bezirksleiter, der nervös an seiner Krawatte nestelte, „wir weichen um 400 Prozent vom standardisierten Zeitablauf ab! Die Prozessoptimierung sieht vor, dass der Gast nach spätestens acht Minuten sein temperaturoptimiertes Convenience-Produkt erhält!“

Scrooge lachte, und es klang wie das Zerbrechen von dünnem Eis. „Die Prozessoptimierung kann mich mal kreuzweise am Allerwertesten lecken, mein lieber Müller! Schauen Sie sich das doch mal an!“

Die Anatomie der Leidenschaft

Er deutete mit einer Schöpfkelle auf Bob, den Küchenchef, den er jahrelang nur als „Kostenstelle 04“ geführt hatte. Bob stand über einer Pfanne, in der er – entgegen aller strengen Systemvorgaben – eine Sauce aus echtem Rotwein und Röstgemüse reduzierte. Seine Augen leuchteten nicht wegen des Deckenlichts, sondern wegen des handwerklichen Stolzes. Er jonglierte mit Aromen, die in keinem Handbuch standen.

„Sehen Sie das, Müller?“, rief Scrooge über das Zischen der Flammen hinweg. „Das da ist keine ‚Arbeitskraft‘. Das ist Kreativität in ihrer reinsten Form! Der Mann weiß instinktiv, wann die Sauce den Glanz hat, den keine Tabelle der Welt berechnen kann. Er improvisiert! Er lebt!“

An der Ausgabe stand Elena, die Servicekraft, die Scrooge eigentlich wegen „übermäßiger Redseligkeit“ abmahnen wollte. Sie stand bei einem älteren Ehepaar, erklärte ihnen die Herkunft des Weins und lachte so herzlich, dass die Gäste ihre Handys weglegten und sich tatsächlich gegenseitig ansahen.

„Und schauen Sie Elena an!“, fuhr Scrooge fort, während er eigenhändig eine Portion Labskaus garnierte – und zwar mit drei Eiern statt des vorgeschriebenen halben. „Sie verkauft hier nicht nur Kalorieneinheiten. Sie spendet Trost, Freude und menschliche Nähe. Das steht in keinem Ihrer verdammten Quartalsberichte, weil man Empathie nicht in Excel-Zellen quetschen kann!“

Das Ende der Tabellenherrschaft

In diesem Moment begriff Scrooge die fundamentale Wahrheit der Gastronomie: Seine Mitarbeiter waren keine Geister, die man durch Algorithmen ersetzen konnte. Sie waren die Seele des Hauses. Wenn der Spüler im Takt der Musik mitschwang, während er die Gläser polierte, tat er das nicht für den Mindestlohn, sondern weil er Teil eines Ensembles war, das an diesem Abend eine Aufführung gab.

Scrooge griff nach seinem Tablet, auf dem die Echtzeit-Umsatzkurve gerade bedrohlich nach unten knickte, weil er die Preise für den Abend eigenmächtig halbiert hatte. Mit einem fast schon zärtlichen Lächeln ließ er das Gerät in das schmutzige Spülwasser gleiten.

„Müller“, sagte er ruhig, „wir haben jahrelang versucht, Menschen wie Maschinen zu behandeln, und uns gewundert, warum das Essen nach Pappe schmeckt. Aber heute Abend schmeckt es nach Leben.“

Er wandte sich zur Küche und brüllte: „Leute! Vergesst die Grammaturen! Vergesst die Zeitvorgaben! Kocht so, dass ihr stolz darauf seid, euren eigenen Müttern diesen Teller zu servieren! Und Elena – bring dem Tisch sieben noch eine Runde Espresso Martinis. Doppelt. Mit so viel Zucker, dass die Löffel drin stehen bleiben können. Die Rechnung geht auf mein privates Konto!“

Als der erste Gast an den Pass trat, um sich persönlich beim Koch zu bedanken, sah Scrooge etwas, das er in seiner gesamten Karriere als Systemgastronom noch nie gesehen hatte: Ein echtes Lächeln, das nicht im Schulungsvideo geübt worden war. Es war der Moment, in dem aus einer Filiale ein Restaurant wurde.

Und Ebenezer Scrooge war zum ersten Mal in seinem Leben kein Verwalter von Mangel, sondern ein Verschwender von Glück.

Tognana Gastronomiegeschirr