Ein Jahrhundert Gemeinschaft erleben, lernen, zusammen wachsen. Jugendherbergen sind ein „Zuhause auf Zeit“ und wirken nachhaltig, stehen für Weltoffenheit und nehmen die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte an.

„Türen offen. Herzen auch.“ Mit dieser Botschaft eröffnet der Landesverband Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH Bayern) das Jahr zum 100-jährigen Jubiläum seiner Verbandsgründung. Was am 19. Dezember 1926 in München mit dem Zusammenschluss von vier regionalen Zweigausschüsse zum Landesverband für Jugendwandern und Jugendherbergen, DJH Gau Bayern e.V. begann, ist heute ein flächendeckendes Netz von Lern- und Begegnungsorten, das aus der bayerischen Bildungs-, Sozial- und Zivilgesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Diese Position wird durch den formalen Status des Jugendherbergswerks Bayern als anerkannter freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe untermauert.

Die Gründungsidee war von Anfang an bildungspolitisch: Junge Menschen sollten Natur erleben, Gemeinschaft erfahren und über soziale Grenzen hinweg miteinander in Kontakt kommen. Jugendherbergen eröffneten schon damals Erfahrungsräume jenseits des Elternhauses und des Klassenzimmers. Lernen sollte nicht nur aus Büchern bestehen, sondern aus Bewegung, Dialog, Verantwortung und gemeinsamem Erleben.

Diese Haltung ist auch im 100. Gründungsjahr Kern der Arbeit des Jugendherbergswerk Bayern: Die Jugendherbergen in Bayern sind Orte, an denen Demokratie im Alltag erfahrbar wird: beim gemeinsamen Essen, bei Gruppenentscheidungen, in Projekten, Seminaren und Umweltprogrammen. Hier treffen unterschiedliche Lebenswelten aufeinander, hier wird diskutiert und abgestimmt, gelacht, gestritten und wieder zusammengefunden; hier ist eine Heimat des Ehrenamts für eine Vielzahl von (Jugend-)Gruppen und Vereinen.

Zeitgemäß übernachten, gemeinsam lernen, Zukunft gestalten

Gleichzeitig haben sich die bayerischen Jugendherbergen in den vergangenen Jahren baulich, organisatorisch und konzeptionell umfassend erneuert. Moderne Zimmer mit eigenem Bad und WC sind in der Mehrzahl der Häuser heute ebenso selbstverständlich wie leistungsfähige Tagungsräume, digitale Infrastruktur und flexible Raumkonzepte für Seminare, Workshops und Projekte.

Viele Häuser führen eigene Bildungsprogramme durch – von Umweltbildung über politische Bildung bis zu Team- und Sozialtrainings – und arbeiten eng mit Schulen, Trägern der Jugendhilfe und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Hierfür hält der Landesverband eine leistungsfähige Infrastruktur, umfangreiche Materialien und qualifiziertes Personal für die außerschulische Bildungsarbeit vor und unterscheidet sich damit grundsätzlich von rein kommerziell arbeitenden Beherbergungsbetrieben.

Jugendherbergen sind dabei offen für unterschiedliche Lebensphasen und Reiseanlässe: Schulklassen und Jugendgruppen, Familien, Vereine, Musik- und Sportgruppen, Fortbildungsteilnehmende und internationale Gäste finden hier gleichermaßen Raum. Das Modell „bayerische Jugendherbergen“ ist kein Nischenangebot, sondern bewusst breit aufgestellt – und gerade dadurch gesellschaftlich wirksam. Einzige Voraussetzung: Eine Mitgliedschaft im Deutschen Jugendherbergswerk.

Nachhaltigkeit als unternehmerische Leitlinie

Seit 2016 verfolgt das DJH Bayern ein nachhaltiges Unternehmenskonzept, das schrittweise in allen Bereichen umgesetzt wird. Der Anteil von Bio-Produkten in der Verpflegung wird beispielsweise kontinuierlich erhöht, regionale Lieferketten werden ausgebaut und Speisepläne stärker pflanzenbasiert gestaltet. In allen Häusern sind vegetarische Speisen Standard, vegane Angebote gehören oft ebenfalls dazu. Ernährung wird dabei nicht nur als Versorgung, sondern auch als Teil von Bildungsprozessen verstanden – mit Blick auf Gesundheit, Klima und globale Verantwortung.

Parallel investiert der Verband systematisch in erneuerbare Energien. Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und Freiflächen der Jugendherbergen werden kontinuierlich ausgebaut, energetische Sanierungen vorangetrieben und Betriebsabläufe ressourcenschonender gestaltet. Nachhaltigkeit ist damit kein Zusatzprojekt, sondern Bestandteil der strategischen Entwicklung des Verbandes.

Zum Thema Nachhaltigkeit gehört auch, dass die Basis des Verbandes durch das eigene wirtschaftliche Handeln gesichert bleibt. Das bedeutet, dass die Häuser flächendeckend in ganz Bayern etabliert sein sollen – deren ökonomische Tragfähigkeit muss jedoch gesichert sein. Veränderungen im Reiseverhalten bzw. Wünsche der Gäste muss Rechnung getragen werden. So sichert der Verband eine weitestgehende wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Jugendherbergswerk: Was die Gesellschaft trägt

Die gesellschaftliche und individuelle Bedeutung des DJH Bayern lässt sich an vier zentralen Feldern festmachen:

  1. Vorurteilsfreie Begegnung: Jugendherbergen bringen Menschen unterschiedlichster Herkunft, sozialer Prägung und Lebensrealitäten zusammen.
  2. Entwicklung sozialer Kompetenz: Gemeinschaft bedeutet Aushandlung, Rücksicht, Verantwortung. In Jugendherbergen lernen Kinder und Jugendliche, sich in Gruppen zu organisieren, Konflikte zu lösen und füreinander einzustehen
  3. Selbstwirksamkeit durch non-formale Bildung: Projekt- und prozessorientierte Lernformate, Umweltbildung, politische, kulturelle, historische und sportliche Programme ermöglichen Erfahrungen jenseits von Notendruck und Leistungsbewertung.
  4. Demokratie erleben und einüben: Respekt, Mitbestimmung und Verantwortung sind Teil des Alltags in Jugendherbergen. Demokratie wird hier nicht abstrakt vermittelt, sondern konkret gelebt – in Gruppenentscheidungen, Projektarbeit und gemeinschaftlichen Regeln.

„Ich bin nicht allein. Ich gehöre dazu!”

Seit der Verbandsgründung haben schätzungsweise 120 Millionen Übernachtungen in bayerischen Jugendherbergen stattgefunden – unzählige erste Klassenfahrten, Freundschaften, Abschiedsrituale im Treppenhaus, aufgeregte Abende vor Präsentationen und leise Gespräche lange nach der Nachtruhe.

Wer einmal in einem Speisesaal voller müder, aber glücklicher Kinderstimmen stand, weiß: Jugendherbergen sind keine anonyme Infrastruktur. Sie sind soziale Bühnen, auf denen sich kleine und große Entwicklungsschritte abspielen – manchmal zwischen Tischtennisplatte und Teeküche, manchmal bei Projekttagen zu Klimaschutz oder Zivilcourage.

Auch heute liegen die Übernachtungszahlen stabil im siebenstelligen Bereich. Rund die Hälfte der Gäste sind Schulklassen, hinzu kommen Familien, Gruppen und Einzelreisende. Die Nachfrage nach pädagogisch begleiteten Programmen bleibt hoch. Das zeigt: Das Konzept gemeinsamer Bildungs- und Gruppenfahrten ist nicht nur intakt, sondern wird in einer zunehmend digitalisierten Welt sogar wieder stärker als notwendiger Erfahrungsraum wahrgenommen.

Die Zahlen stehen nicht für Statistik, sondern für gelebte Gemeinschaft; für Abende, an denen Unsicherheiten verschwinden, für Diskussionen über Zukunftspläne, für Momente, in denen junge Menschen erfahren: Ich bin nicht allein. Ich gehöre dazu.

Verantwortung ernst nehmen – gestern, heute und morgen

Zum Jubiläum gehört auch die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Arbeit des Jugendherbergswerk in der Zeit des Nationalsozialismus wird im Jubiläumsjahr veröffentlicht und dokumentiert, wie das Jugendherbergswesen damals politisch vereinnahmt wurde. Diese Aufarbeitung ist Teil eines Selbstverständnisses, das Verantwortung nicht delegiert, sondern annimmt. Nach 1945 wurden Demokratiebildung, internationale Verständigung und Wertevermittlung zu tragenden Säulen der Verbandsarbeit. Bis heute versteht sich das DJH Bayern als aktiver Teil der Zivilgesellschaft, der für Vielfalt, Inklusion, Weltoffenheit und demokratische Teilhabe steht.

Zukunftssicher wirtschaften – unter schwierigen Bedingungen

Als gemeinnütziges Unternehmen steht das Jugendherbergswerk Bayern vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen: steigende Bau-, Unterhalts- und Energiekosten, Fachkräftemangel und wachsende Anforderungen an Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit prägen die Rahmenbedingungen. Hierbei ist der Verband bereits sehr erfolgreich: Alle Häuser sind nach dem bundesweiten Standard “Reise für Alle” zertifiziert, vier weitere Häuser tragen das Signet “Bayern barrierefrei”.

Gleichzeitig bleibt der Anspruch bestehen, Bildungs- und Begegnungsangebote bezahlbar und für alle zugänglich zu halten. Wirtschaftlichkeit ist dabei kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, den gemeinwohlorientierten Auftrag dauerhaft erfüllen zu können. Der Verband setzt deshalb auf langfristige Kooperationen mit öffentlichen Partnern und dem Staat sowie auf vorausschauende Investitionen in Infrastruktur und Personal.

Jugendherbergswerk: Stimmen aus der Spitze des Verbandes

Klaus Umbach, Präsident des Jugendherbergswerks Bayern, betont: „Jugendherbergen sind seit 100 Jahren Orte, an denen junge Menschen lernen, wie Gesellschaft funktioniert. Heute verbinden wir dieses pädagogische Erbe mit moderner Infrastruktur, nachhaltigem Wirtschaften und zeitgemäßen Bildungsangeboten. Ohne Jugendherbergen wäre die Bildungslandschaft in Bayern und Deutschland deutlich ärmer.“ Und weiter: “Die schätzungsweise 120 Millionen Übernachtungen seit Mitte der 1920er Jahre, mehrere hunderttausend gespielte Tischtennisbälle in unseren Häusern oder die unzähligen Postkarten, die glückliche Kinder bis heute ihren Eltern schreiben, zeigen: Jugendherbergen sind Lebensorte – sie sind ein Zuhause auf Zeit, sichere und pädagogisch gerahmte Schutzräume. Wenn man in unseren Häusern sieht, wie selbstverständlich Kinder aus unterschiedlichen Hintergründen zusammen am Tisch sitzen, Projekte planen oder sich beim Tische säubern abwechseln, merkt man: Demokratie beginnt oft sehr praktisch. Genau dafür wollen wir auch in den nächsten Jahrzehnten Räume bieten.”

100 Jahre sind ein guter Anfang

Das Jubiläumsjahr 2026 ist für das DJH Bayern kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenruf auf dem Weg nach vorn. Jugendherbergen sollen auch künftig Orte sein, an denen Bildung ganzheitlich gedacht wird – als Zusammenspiel von Wissen, Haltung, Gesundheit und sozialer Verantwortung. Im Laufe des Jahres sind zahlreiche Veranstaltungen und Formate geplant, die Mitglieder, Gäste, Partner und Mitarbeitende einbeziehen. Höhepunkt wird eine zentrale Festveranstaltung im Sommer in der Jugendherberge Nürnberg sein. Oder, anders gesagt: „100 Jahre sind ein guter Moment, die Schuhe zu schnüren, den Rucksack neu zu packen und weiterzugehen – gemeinsam und mit einem klaren Kompass für die nächsten Etappen“, so Umbach mit Blick auf die Zukunft des Verbandes.

Zum Jugendherbergswerk Bayern: https://www.jugendherberge.de/bayern

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