Am 03.03.2026 waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung und des RIFS Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit am GFZ zu Besuch auf dem Familienweingut SANDER im rheinhessischen Mettenheim. Anlass: Start des Forschungsprojekts RESET. Ziel: Die Untersuchung der Frage: „Eignen sich Weinberge als CO2-Speicher?“ Wissenschaftlich ausgedrückt: Die Untersuchung der Wirkung von natürlichen CO2-Entnahmeverfahren durch die Ausbringung von Gesteinsmehl auf landwirtschaftlichen Flächen.
Nachhaltigkeitsthemen sind aktuell wenig en Vogue. Sie sind deshalb nicht weniger wichtig, im Gegenteil! Das Ziel der CO2-Neutralität bis 2050 bleibt gesellschaftlich und politisch richtig. Der Beitrag jedes und jeder Einzelnen wird da, wo die Politik versagt, wichtiger. Deshalb beteiligt sich das Weingut SANDER als Praxispartner am vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Rahmen der CDRterra Strategie geförderten Forschungsprojekt RESET.
Stefan Sander war leicht für die Teilnahme am Projekt zu begeistern. Vor allem, weil die zu untersuchende Maßnahme bestechend attraktiv ist: „Was wir erforschen, ist ein natürlicher Prozess, der keiner aufwendigen technischen Maßnahmen bedarf,“ sagt Prof. Dirk Sachse, einer der Leiter des Forschungsprojekts. Die Verwitterung von Silikatgesteinen sorgt seit Jahrmilliarden für die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. Der Prozess ist einfach. Gesteinsmehl, also feiner Abrieb-Staub, der bei der Verarbeitung von Gesteinen entsteht, wird auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht. Er reagiert an der Erdoberfläche mit CO2 aus der Luft. Über den natürlichen Wasserkreislauf gelangt der Gesteinsstaub über Grundwasser, Bäche und Flüsse ins Meer und lagert dort z. B. als Kalkgestein ab und speichert so das CO2 dauerhaft. Die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft ist für die Familie Sander eine Selbstverständlichkeit. „Bio-Landbau ist noch lange nicht abschließend erforscht“. Deshalb beteiligt sich das Weingut immer wieder an Forschungsprojekten. RESET ist für die Winzerfamilie insofern besonders spannend, als es um die Erforschung einer Maßnahme geht, die Sanders seit Jahrzehnten, im Wesentlichen mit Blick auf die Wein-Qualität, durchführen. „Damit stellt das Familienweingut,“ so Prof. Sachse „ein ausgezeichnetes Versuchsfeld für uns bereit“. „Wir arbeiten inzwischen in der vierten Generation daran, dass unsere Art des Weinbaus nicht nur hervorragende Weine hervorbringt.
Wir wollen immer aufs Neue verstehen, ob das, was wir hier auf unseren Böden tun, zukunftstauglich ist,“ sagt Stefan Sander. „Wenn RESET bestätigt, dass das Ausbringen von Gesteinsmehl zusätzlich zur Bodenlebendigkeit zur CO2-Bindung beiträgt, ist das nicht nur für die betriebseigene Klimabilanz super. Es ist Role-Model für alle Landwirtinnen und Landwirte, auch konventionelle Betriebe“. Das ist mit Blick auf das Ziel der angestrebten Klimaneutralität eine wichtige Nachricht. Die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen bleibt der zentrale Fokus der gesellschaftlichen Anstrengungen. Gleichzeitig ist klar, dass das allein nicht ausreichen wird. „Es braucht zusätzlich Maßnahmen zur CO2 Entnahme aus der Atmosphäre oder Carbon Dioxide Removal (CDR),“ so Prof. Sachse. Enhanced silicate weathering (ESW) übersetzt Beschleunigte Silikatverwitterung, ist auf dem Familienweingut seit Jahrzehnten gelebte Praxis. Großvater Ottoheinrich Sander hat in den 1980er Jahren damit begonnen. Die Forscher am GFZ freuen sich darauf, an einem solchen Standort zu arbeiten:
„Die lange Untersuchungsgeschichte, die Ottoheinrich Sander begründet hat, bietet eine einzigartige Gelegenheit, geochemische Instrumente zur Messung von ESW zu entwickeln und die langfristigen Vorteile für die Böden zu untersuchen,“ sagt Dr. Patrick Frings, einer der Projektleiter von RESET. Spannend ist ebenfalls, dass RESET nicht nur auf naturwissenschaftliche Wirkungen von ESW schaut. Auch die sozialwissenschaftlichen Aspekte werden beleuchtet. „Zunächst waren wir über den interdisziplinären Ansatz verwundert.“ sagt Stefan Sander. „Aber wenn ich bedenke, wie oft wir mit unserer Arbeit argwöhnisch angeschaut werden, dann ist es wichtig, Akzeptanz für die Maßnahmen zu schaffen und zu erhöhen“. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Akzeptanz von Landwirtinnen und Landwirten für ESW bei einem möglichen Roll-Out entscheidender Erfolgsfaktor sein wird. „Wichtig ist, herauszufinden, was die Anreize, aber auch Barrieren bei der Anwendung von ESW sind. Welche Akteure haben warum Interesse daran? Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen? Wie hoch ist der Bedarf in anderen Branchen? Diese Abwägungen müssen zusammengeführt werden, um gesellschaftlich tragfähige Empfehlungen für ESW entwickeln zu können.“ sagt Dr. Pia-Johanna Schweizer, die den sozialwissenschaftlichen Teil des Programms verantwortet. „Damit haben wir dann auch gegenüber politischen Entscheidungsträgern starke Argumente.“ „Im Grunde genommen machen wir innerhalb von RESET das, was wir immer machen,“ sagt der Winzer. „Wir beobachten die Natur und lernen von ihr.“
Das ist eine Kern-Idee des Öko-Weinbaus. Es geht um das Arbeiten mit und an der Natur. Ökologische Flächenbewirtschaftung ist darauf angelegt, lebendige Böden zu erhalten und Humus aufzubauen. Das trägt an sich schon zur CO2 Bindung bei. Im Rahmen von RESET geht es darum, gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von GFZ und RIFS zu lernen, ob und wie die Ausbringung von Gesteinsmehl sich zusätzlich positiv auf die CO2-Bilanz auswirkt. „Die Natur und ihre Mechanismen nutzen, um hervorragende Weine zu machen ist das eine. Unserem Prinzip zu folgen, das im Einklang mit der Natur zu machen ein für uns wichtiger Aspekt,“ sagt Sander.
„Wenn sich im Laufe des Projekts die Wirksamkeit von landbasierter CO2-Entnahme durch ESW bestätigt, dann ist es eine niederschwellige, einfach durchzuführende Maßnahme. Sie kann auf vielen landwirtschaftlichen Flächen Anwendung finden und damit einen substanziellen Beitrag leisten, um unser Land und die EU bis zum Jahre 2050 CO2 neutral werden zu lassen und es danach auch zu bleiben“ sagt Prof. Sachse. Stefan Sander ergänzt: „Und wir tun mit Blick aufs Klima etwas, was wir viel häufiger tun sollten: Wir arbeiten nicht gegen die Natur, sondern mit Ihr.“





