Es war einmal ein Mann namens Eberhard, ein Mann von einer so schlichten Integrität, dass man ihn fast für eine optische Täuschung halten konnte. Eberhard betrieb ein Restaurant, das im Grunde nur aus einem Herd, vier Tischen und der hartnäckigen Abwesenheit von Dekorationsartikeln bestand. Die Miete war so niedrig, dass man vermuten musste, der Vermieter habe das Gebäude schlicht vergessen oder halte es für eine Garage.
Eberhard war Koch, Kellner, Spüler und sein eigener Sommelier, was meistens bedeutete, dass er eine Flasche halbtrockenen Riesling öffnete und dabei sehr überzeugt nickte. Seine Kalkulation war von einer rührenden, fast schon prähistorischen Einfachheit: Ein Schweineschnitzel kostete bei ihm zwölf Euro fünfzig. Das war kein Preis, das war ein Friedensangebot an die Menschheit. Es ermöglichte Eberhard ein auskömmliches Dasein und den Gästen das seltene Gefühl, beim Bezahlen nicht gleichzeitig ihre Würde an der Garderobe abgeben zu müssen.
Dann jedoch trat Kevin-Pascal auf den Plan. Kevin-Pascal war Eberhards Sohn und besaß jene besondere Art von akademischem Hochmut, die man nur entwickelt, wenn man Jahre in Seminarräumen saß, in denen die Luft hauptsächlich aus poststrukturalistischem Seufzen bestand. Er hatte seinen Bachelor in der Tasche und veredelte gerade seinen Master. Er war fest entschlossen, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern sie – wie eine schlecht sitzende Krawatte – neu zu knoten.
„Vater“, sagte Kevin-Pascal eines Tages, während er mit einer Handbewegung, die gleichzeitig herablassend und geometrisch präzise war, auf die handgeschriebene Speisekarte deutete. „Wir müssen über deine Preisgestaltung sprechen. Dein Business-Modell ist eine einzige Beleidigung für die moderne Betriebswirtschaftslehre. Du verschenkst hier Wertschöpfungspotenzial, als wäre es Konfetti. Du untergräbst die Marktlogik!“
Eberhard blickte seinen Sohn bewundernd an. Für ihn war ein Studium ein magischer Prozess, bei dem man oben Unwissenheit hineinschüttete und unten pure, unfehlbare Wahrheit herauskam.
„Meinst du?“, fragte er demütig. „Ich dachte immer, zwölf Euro fünfzig seien fair für alle.“
„Absolut inakzeptabel“, dekretierte der Sohn. „Du musst auf achtzehn Euro hoch. Erstens: Signalwirkung. Teuer bedeutet Qualität. Zweitens: Risiko-Prävention. Du lebst in einer gefährlichen Illusion der Stabilität. Wenn morgen der Schweinepreis explodiert oder die Pfanne durchbrennt, stehst du vor dem Nichts. Du musst den Mehrwert abschöpfen, Vater!“
Eberhard nickte. Es klang alles so logisch, so nach Papier und Graphiken. Er erhöhte die Preise. Aus dem ehrlichen Schweineschnitzel für zwölf Euro fünfzig wurde eine „Paniertes Carré-Selection“ für achtzehn Euro. Es war der Beginn eines schleichenden Prozesses, den man wohl als Raubbau an den Gästen bezeichnen musste – er zapfte ihre Loyalität an, bis sie versiegte. Die Gäste, die bisher mit einer Mischung aus Vertrautheit und Hunger gekommen waren, lasen die neuen Karten mit dem Gesichtsausdruck von Menschen, die gerade erfahren haben, dass ihr Lieblingsonkel nun doch nicht der Erbe eines Schokoladenimperiums ist.
Die Wochen vergingen. Die Luft im Restaurant wurde dünner, nicht weil Eberhard weniger kochte, sondern weil weniger Menschen darin atmeten. Die vertraute Geräuschkulisse aus klapperndem Besteck und zufriedenem Schmatzen wurde durch das ferne Ticken einer Wanduhr ersetzt, die sich nun sichtlich langweilte. Die Handwerker, die früher laut lachend an den Tischen saßen, zogen nun schweigend mit Leberkäswecken vom Metzger am Fenster vorbei.
Nach drei Monaten schneite Kevin-Pascal wieder herein, braungebrannt von einer Exkursion nach Lissabon, wo er die Gentrifizierung von Fischmärkten als „disruptive Chance“ untersucht hatte. Er blickte in den halb leeren Gastraum.
„Siehst du, Vater!“, rief er triumphierend aus, während er sich ein staubfreies Glas griff. „Genauso habe ich es vorausgesehn. Wir haben wohl eine Wirtschaftskrise, die Gäste sind vorsichtig geworden. Nur noch die Hälfte der Gäste ist da. Ein Glück, dass du die Preise erhöht hast!“
Eberhard schaute traurig auf eine einsame Zitrone in der Kühlung. „Aber Sohn, das ist doch furchtbar. Ich verdiene kaum noch etwas, und die Leute schauen mich so vorwurfsvoll an. Ich fühle mich wie ein Betrüger.“
Kevin-Pascal lachte das Lächeln eines Mannes, der die Realität längst durch eine sehr teure Excel-Tabelle ersetzt hatte. „Aber nein, Vater! Denk doch logisch! Stell dir vor, du hättest die Preise nicht erhöht. Bei diesem massiven Rückgang der Gästezahlen – den ich übrigens als Marktsättigung analysiert habe – wärst du jetzt längst im Minus. Du hättest die Fixkosten gar nicht decken können! Dein neues Preismodell ist das einzige, was dich vor dem Ruin bewahrt. Dass die Leute wegbleiben, ist lediglich eine Bereinigung der unrentablen Kundensegmente. Wir haben den Ballast abgewehrt.“
Eberhard stand da, den Lappen in der Hand, und versuchte, die Logik zu greifen. Es war, als würde man versuchen, Nebel mit einer Gabel aufzuspießen. Sein Sohn hatte studiert. Sein Sohn hatte den Master. Also musste es stimmen: Die Tatsache, dass das Restaurant leer war, war der ultimative Beweis dafür, dass die Rettung gelungen war. Dass sein eigener Raubbau an den Gästen diese erst vertrieben hatte, war in Kevin-Pascals Welt ein nebensächliches Detail, eine Art Kollateralschaden der ökonomischen Vernunft.
Er nickte langsam, während er draußen an der Scheibe einen Stammgast vorbeiziehen sah, der früher jeden Dienstag gekommen war und jetzt mit einer Plastiktüte beschämt zu Boden blickte. Eberhard fühlte sich nun sehr modern, sehr betriebswirtschaftlich und unendlich einsam in seinem perfekt kalkulierten Untergang.
„Möchtest du etwas essen?“, fragte er seinen Sohn.
„Gerne“, sagte Kevin-Pascal, „aber mach mir bitte nur eine kleine Portion. Ich muss noch auf eine Vernissage. Da gibt es dann sowieso nur Häppchen. Man will ja nicht zu schwer im Magen liegen, wenn man die Welt neu definiert.“
Eberhard ging in die Küche. Er briet ein Schnitzel. Es war das beste Schnitzel der Stadt, aber es schmeckte nach nichts, weil niemand da war, dem man davon erzählen konnte. Und während er spülte – er brauchte ja immer noch keine Mitarbeiter –, dachte er darüber nach, dass Bildung wohl die Fähigkeit ist, ein brennendes Haus als eine innovative Methode der Zentralheizung zu verkaufen.






