Tognana Gastronomiegeschirr

Jeder Bahnhof hatte früher eine Bahnhofsgaststätte, manchmal auch mehrere, in Klassen unterteilt.  Viele wurden in den letzten Jahren abgerissen, umgebaut, wichen Schnellrestaurants oder Snackpoints. – Doch in der Literatur leben sie fort – Guido Fuchs hat sie besucht und lädt die Leser zu einem unterhaltsamen, literarisch-kulinarischen Menü in zwölf Gängen ein.

Das alte Nürnberger Bahnhofsrestaurant (dessen Jugendstil-Einrichtung man im jetzigen Reisezentrum noch erahnen kann) war für den Schriftsteller Joseph von Westphalen „ein Kleinod, ein Juwel“, ein Ort der Ruhe mit einem Geruch in der Luft, der an eine Hotelküche in Davos erinnert. Die Familie des Elsässer Autors Jean Egen nutzte bei Zugreisen jeden Umstieg zu einer kleinen kulinarischen Einkehr am Bahnhof. Und Detlev Liliencron beschreibt, wie sich im Restaurant des Dammtorbahnhofs ein armer Schlucker mittels einer großzügigen Spende einmal ein opulentes  mehrgängiges Menü leistet.

Bahnhofsgaststätte als Ziel kulinarischer Sehnsucht

Das waren noch Zeiten, als Bahnhofsgaststätten bewusst als Ziel kulinarischer Sehnsucht angesteuert wurden. Natürlich gab es auch das Gegenteil, kleine Bahnhofskneipen oder -cafés, die man weniger ihrer Speisekarte als vielmehr der langen Öffnungszeiten wegen aufsuchte. Doch wo kann man heute spät abends noch ein frisch gezapftes Bier am Bahnhof genießen oder früh morgens einen Kaffee am gedeckten Tisch, wenn der erste Zug Verspätung hat? Vielerorts gibt es nur noch Automaten oder bestenfalls einen Snackpoint oder Schnellimbiss, den man kaum noch mit Gastronomie in Verbindung bringt.

Doch es gibt diese schon noch ­hie und da an größeren Bahnhöfen – und auch in der Literatur. Der Publizist Guido Fuchs hat sie dort aufgesucht und in einem Buch vereint: „In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen“. In den Geschichten der verschiedenen Kapitel, die sich den Restaurants und deren Einrichtung widmen, ihren Gästen und dem Personal, aber auch dem Abenteuer des Reisens und Speisens in früheren Zeiten oder anderen Ländern, die von frohen Begegnungen oder traurigen Abschieden, besonderen Ereignissen und manch anderem mehr handeln, tut sich auch die Geschichte einer gastronomischen Kultur am Gleis auf, die man heute, da man mit dem Coffee-to-go in der Hand durch die Bahnhofshalle stürmt, sich kaum noch vorstellen kann.

Die Tage, die gegangen sind

Das liebevoll bebilderte Buch ist nicht nur ein launiger Reisebegleiter, sondern auch ein unterhaltsam-informativ Lektüre über eine vielfach verlorene Einrichtung, die man schmerzlich vermisst.

»Sie haben es abgerissen. Ein aus der Mode gekommenes Restaurant mit riesigem Speisesaal. Die Täfelung aus dunklem Holz. Altes Wirtshausmobiliar. Wer nicht verreisen wollte, zog sich in die Nischen zurück. Man hatte Zeit oder vergaß sie hier.

Die Zeit ist um, meinten sie. Und eröffneten eine gläserne Theke für den Durchgangsverkehr. Keine Falte, in die du dich bergen kannst. Du sollst dich nicht aufhalten. Iss, zahle und verschwinde hier.«

 (Raymond Dittrich)

Bahnhofsgaststätte
Bahnhofsgaststätte

In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen,

zusammengestellt von Guido Fuchs

260 Seiten, Klappenbroschur, zahlreiche Abb.

Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2018, 17,50 Euro

ISBN 978-3-947066-65-0

Im Buchhandel und auf www.verlag-monikafuchs.de erhältlich.